Müdigkeit als ein Zeichen von Stärke

 

Eine Frau sitzt mir im Coaching gegenüber und sagt einen Satz, den ich so oder ähnlich oft höre:„Ich bin einfach nicht so belastbar.“ Abends sei sie müde, keine Nerven mehr. Sie brauche ihren Schlaf, sogar mehr als andere, wie sie meint.

Wir beginnen gemeinsam zu sortieren, was ihr Alltag eigentlich alles umfasst. Und ziemlich schnell wird klar, da ist viel:
- ein anspruchsvoller Beruf, in dem sie noch nicht lange arbeitet
- zwei kleine Kinder
- Haushalt
- ein Ehemann mit unregelmässigen Arbeitszeiten, auf die sie flexibel reagiert.
- eine Schwester in einer schwierigen persönlichen Situation, die von ihr unterstützt wird
Das heisst auffangen, organisieren, mitdenken, funktionieren.

Ich höre zu, frage nach, versuche zu verstehen.

Dann rutscht es spontan aus mir raus: „Und das alles bringst du unter einen Hut? Ich wäre abends auch müde. Für mich klingt das nicht nach fehlender Belastbarkeit, sondern nach ziemlich viel davon.“

Sie wird still.Und dann passiert etwas, das im Coaching immer wieder berührt: Ihr inneres Bild beginnt zu kippen. Plötzlich ist da nicht mehr die Frau, die „zu wenig belastbar“ ist, sondern eine Frau, die enorm viel trägt und deren Müdigkeit eigentlich eine ziemlich gesunde Reaktion darauf ist.

Wir leben in einer Kultur, in der Müdigkeit schnell als Defizit gelesen wird. Wer erschöpft ist, denkt oft: Ich halte zu wenig aus. Ich bin nicht stark genug. Doch manchmal bedeutet das genau das Gegenteil. Müdigkeit muss kein Zeichen von Schwäche sein, es kann ein Hinweis sein, dass man gerade sehr viel leistet und der Köper darauf reagiert. 

Im Coaching geht es nicht darum, Menschen zu verändern oder zu optimieren. Manchmal geht es darum, ihre Wirklichkeit wieder sichtbar zu machen, ihnen zu zeigen, was längst da ist. In diesem Fall war es nicht nötig, die Belastbarkeit zu steigern, sie war längst beeindruckend. Was gefehlt hat, war der Blick darauf.